Ein Abenteuer beginnt. Nicht erst heute. Aber heute wird es nun endlich einmal niedergeschrieben, was mir schon lange durch den Kopf geht. Reflektiert. Zur Diskussion gestellt. Pointiert.
Seit dem Schlagwort “Schule unter einem Dach” hat sich einiges verändert. Grundlegendes jedoch nicht. Die Rahmenbedingungen sind minimalistisch geblieben. Lassen einerseits viel Freiraum für Gestaltung. Aber auch viel Hilflosigkeit.
“Hätte ich so etwas machen wollen, hätte ich das auch studiert!” schwebt über allem. Lebensentwürfe verändern sich – nein – werden verändert.
1985 schrieb ich meine erste Examensarbeit in Sonderpädagogik über das Thema “Zur Zukunftsperspektive des Sonderschullehrers”. Da ging es zwar auch um den “Schweineberg” des Lehrerbedarfs, der mich dann auch voll erwischte, so dass ich zunächst nach der Anwärterzeit für elf Jahre aus Niedersachsen verschwand. Aber auch um die Motivation zur Entscheidung “Sonderpädagogik oder was sonst?”.
Viele wollten damals etwas ausrichten, bewegen, verändern. “Kritik der Sonderpädagogik” war der Ansatz, die Aktivierung der Schülerinnen und Schüler sowie Eltern, die Denormierung der Ausgrenzung der Weg und das Ziel zugleich.
Was finde ich heute vor?
Es erscheint mir wie im Märchen: “Des Kaisers neue Kleider” als Lebensmotto. Eine gute Sache muss ich doch gut finden, das verlangt allein schon die politische Korrektheit. Auch wenn die Rahmenbedingungen nicht stimmen. Nicht stimmen dürfen, weil Bildungspolitik ja immer noch Klientelpolitik ist.
Da wird nicht gesagt, was gewollt wird, sondern das, was wir hören wollen.
Keine Unterscheidung mehr zwischen Menschen mit und ohne Behinderung. Bravo!
Keine institutionelle Selektion. Bravo!
Selbstbestimmungsrecht der Kinder und Eltern. Bravo!
Auflösung der diskriminierenden, separierenden, schändlichen Förderschulen. Bravo!
Wer nicht dafür ist, ist dagegen – und das kann man ja aus seinem alten “sonder”pädagogischen Selbstverständnis heraus gar nicht.
Neulich auf einer Fortbildung drängten sich zwei Zitate in mein Langzeitgedächtnis:
“Die Familie leidet zwar – aber es ist ja für einen guten Zweck!” (Gestresste Kollegin, die Inklusionsgeschichte als Vorreiterin zu schreiben hofft).
“Lasst uns doch erst einmal anfangen!”
Darauf baute die Minderausstattung schon immer: Es gibt immer engagierte Gutwollende, die mit den Hufen scharren, die losfahren, bevor die Straße gebaut ist, denn iregndwie wird es schon gehen.
Und sie werden ja auch wie zu Rockefellers Zeiten unterstützt:
Wer jetzt beginnt, bekommt die meisten, besten, kostengünstigsten (der von Beginn an schlechten) Bedingungen, später reicht’s nicht mehr für alle; lauft, eilt, entlebt den Sinn.
Und dazu:
Rasch, rasch die sonderpädagogische Grundversorgung einführen, damit meine Grundschule/Förderschule vor den anderen den Zuschlag, das Alleinstellungsmerkmal, die Presse, den anerkennenden Vortrag bei Überreichung der Prämie erhält.
Dabei ist das Schnell-Schnell Gift für die Sorgfalt. Und die Nachhaltigkeit. Und besonders die Pädagogik, die von Kontinuität und Beziehungsdauer lebt. Egal.
Wer fragt nach Fahrzeiten? Nach Berufsbildern? Nach Belastbarkeitsgrenzen, die bereits jetzt überschritten werden? Wirklich nur so wenige? Lasst uns doch erst einmal beginnen?
Bauen wir doch erstmal das Dach, der Keller kann warten?
Schule also unter einem Dach, was im Keller, im Erdgeschoss passiert, ist nebensächlich. Jeder sein eigener Sisyphos?
Wirkliche Veränderungen in der Gesellschaft haben immer auf der Straße und in den Köpfen, niemals in der institutionalisierten Schule begonnen. Warum sollte es diesmal anders sein?